Einen Stuhl zu entwerfen, gilt unter Designern als Königsdisziplin. 18 Studierende aus den Studiengängen Industrial Design und Kommunikationsdesign der Hochschule für bildende Künste Braunschweig und eine Gaststudentin aus Rennes stellten sich im Wintersemester 2013/2014 genau dieser Aufgabe.

Auf Grund der eng gesteckten Parameter fiel den angehenden Designern der Projekteinstieg sehr leicht. Kein aufwendiges Recherchieren, sondern Machen war angesagt. Getrieben von der Frage »Was lässt sich gestalterisch aus einer Bohle Holz herausholen?« waren erste Ideen schnell geboren. Viele dieser Ansätze sahen auf dem Papier genial aus. Sie funktionierten auch in kleinen Maßstabsmodellen. Doch bei der Umsetzung in den Maßstab 1:1 trafen viele dieser Ideen auf hartnäckige Widerstände. Frust machte sich breit. Die Geduld von einigen Studierenden – Namen werden nicht genannt – wurde hart auf die Probe gestellt. Jetzt war die Fähigkeit gefordert, Irrwege zu erkennen, sie einzugestehen und nicht aufzugeben.

Gutes Design entsteht nicht im Alleingang. Großartige Projekte sind das Werk großartiger Teams. Die Studierenden halfen sich untereinander. Professionelle Unterstützung erhielten sie von Mitarbeitern der Holzwerkstatt der Hochschule aber auch von renommierten Designern. In Vorträgen und Workshops stellten Johannes Fuchs und Markus Honka ihr Wissen zur Verfügung.
Herausforderungen wurden so durch die diskursive Arbeitsweise gemeistert. Die Motivation stieg und die Studierenden packte der Ehrgeiz. Es entbrannte ein Wettbewerb. Auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Holzwerkstatt bekamen das zu spüren. Die Arbeitsplätze wurden knapp. Hinzu kam, dass die Tischler-Weisheit „Messe zweimal, schneide einmal“ von den Studierenden im Arbeitseifer nicht immer beherzigt wurde. Die Nerven in solchen Momenten lagen auf beiden Seiten blank.

In der 14. Projektwoche dann die Vorbereitung für die Fotoshootings. Noch einmal gab es Input. Gerhard Kellermann zeigte wie man Produkte mit einfachen Mitteln professionell fotografiert und die Aufnahmen für Druckerzeugnisse und Webanwendungen aufbereitet.

Nach 20 Wochen intensiver Auseinandersetzung stehen die Ergebnisse da. Sie können sich sehen lassen. Entstanden sind 16 Entwürfe. Gebaut wurden 24 Stühle – nicht immer aus Massivholz. Sie sind Spiegel der persönlichen Interessen als auch der handwerklichen und technischen Fähigkeiten der Studierenden. Die Bandbreite reicht von klassisch getischlerten, grazilen Stühlen bis hin zu Stühlen mit konzeptionellem Charakter.
Sie stellen Sehgewohnheiten auf den Kopf, widerlegen Normen und sind alles andere als normal. Und das ist gut so. Denn Design benötigt wie alle in einem kontinuierlichen Fortschreibungsprozess befindliche Disziplinen ein „Um-die-Ecke-denken“, ein ständiges Hinterfragen, eine Betrachtung aus anderen Blickwinkeln heraus.

EGGO!

EGGO! ist das Ergebnis einer aufwendigen Materialstudie zur Weiterverwertung von Eierschalen. Die Sitzfläche des Hockers ist aus dem neu entwickelten Material hergestellt. Es besteht zu 70% aus dem Kalk von Eierschalen und ist biologisch abbaubar.
In Analogie zum Ostereierfärben kann die Holzart und die Farbe der Sitzfläche individuell gewählt werden.

––– Sebastian Aumer

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S127 ist ein Stuhl zum Aufwickeln. Er besteht aus 127 Rundstäben, die mit zwei Gurtbändern verbunden sind. Sie können so aufgerollt und fixiert werden. Durch die unterschiedlichen Längen der Stäbe materialisieren sich Stuhlbeine, Sitzfläche und Rückenlehne. Der Stuhl kann jederzeit mit wenigen Handgriffen entrollt und wieder aufgebaut werden – ähnlich wie alte chinesische Bambus-Bücher.

––– Runing Zhao und Lukas-Adrain Jurk

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Auffällig ist die Linienführung als auch die grazile Anmutung des FRAME CHAIR. Seine Stabilität wird durch die Verbindung der Einzelteile erzeugt. Die Rahmenteile nehmen an drei Punkten Sitzfläche und Lehne auf. Alle Teile sind aus Brettern gefertigt. Auf diese Weise ist die Produktion mittels einfacher Werkzeuge und Verarbeitungsmethoden möglich.

––– Hayo Gebauer

COUNTRY BOY

Der COUNTRY BOY ist ein von alten Bauernstühlen inspiriertes Sitzmöbel. Seine Form erinnert an das Altbewährte ohne dies zu kopieren. Die Stuhlbeine sind von Hand gedrechselt. Die Vertiefungen in Rückenlehne und Sitzfläche sind maschinell gefräst. Diese nehmen ein Gummiband auf, mit welchem sich die Stühle zu einer Sitzfläche verbinden lassen.
Und so geht’s: Gummiband entnehmen und in die Sitzflächen einsetzten. Drauf setzten. Kommunizieren. Spaß haben.

––– Nane Sophie Bergmann

TRAPEZ

Das Hin- und Herschwingen eines Schaukelstuhls ist eine ganzkörperliche Erfahrung, bei der sich Aktivität und Passivität abwechseln. Sie ruft bei vielen Menschen Erinnerungen an die Kindheit wach.
Der Entwurf ist eine Neuinterpretation des Schaukelstuhls. TRAPEZ besticht durch seinen Aufbau: ein in einen Rahmen eingehängter Sitz. Die Geometrie des Sitzes ergibt sich durch das Zusammennähen von Flächen – von Dreiecken und Trapezen. Das weiche Leder sorgt für einen angenehmen Sitzkomfort.

––– Elena Braun

CHAIR

CHAIR – überraschend ist sein Gewicht. Durch die Verbindung aus Balsaholz und Flugzeugsperrholz wurde ein sehr leichter Verbundwerkstoff geschaffen, der eine hohe Stabilität besitzt. Balsaholz, eines der leichtesten Hölzer, bildet den Kern. Flugzeugsperrholz aus Birke sorgt für die Festigkeit an der Oberfläche.
Die Leichtigkeit spiegelt sich in der reduzierten Form wieder. Die Zargen sind zurückgesetzt und durch die Sitzfläche verdeckt. So entsteht der Eindruck, dass die dünne Sitzfläche die Seitenteile miteinander verbindet. Die Sitzposition ist höher als üblich und die Lehne ist auf das Notwendigste reduziert. Das Leichtgewicht ist kein Stuhl zum entspannen. Er hält den Benutzer in einer aufrechten Position und damit wach.

––– Anton Papenfuß

TILT CHAIR

Im Schnitt sitzt der Mensch 9,3 Stunden täglich. Eine beträchtliche Zeit im Vergleich zu 7,7 Stunden Schlaf. Nach ca. 1,5 Stunden Sitzen reduziert sich die Enzymproduktion um rund 90%. Der Stoffwechsel und der Rückfluss von Cholesterin in die Leber verringern sich. Kurz: Stillsitzen schadet uns.
Der TILT CHAIR interpretiert das dynamische Sitzen neu. Ein raffiniertes und dabei schlichtes Design ermöglicht ein Kippen der Sitzfläche nach vorne und hinten. Das entlastet die Wirbelsäule, regt den Stoffwechsel an und fördert gleichzeitig die Konzentration.

––– Agnes Günther

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Der COMB CHAIR besteht aus vier identischen Seitenteilen und einer Sitzfläche. Er weist im Gesamtbild eine einfache geometrische Form auf und lässt sich aufgrund dessen zusammen mit Gleichen seiner Art spielerisch zu einer Vielzahl unterschiedlicher Sitzgruppenkombinationen zusammenfügen. So können kleine oder größere Kommunikationsinseln entstehen. Die Sitzflächenpolster sind aus unterschiedlichen Materialien gefertigt und lassen sich nach Belieben austauschen. Vordergründig bestimmen diese vielzähligen Kombinationsmöglichkeiten das Hauptgestaltungselement des Stuhles. Die Schlichtheit seiner Form wird durch die auffallenden Sitzflächen gebrochen und der Eindruck, dass in manchen Fällen Sitzfläche und Untergrund verschmelzen, überrascht.

––– Charlotte Ackermann und Leonie Fröhlich

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MAMMUT ist ein Gartenstuhl im Lounge-Chair-Format. Er ist ein Naturprodukt aus Kiefernholz und Sisal. Der Stuhl wird ausschließlich durch Steckverbindungen und Seile – auf Druck und Zug zusammengehalten. Die Sitzfläche besteht aus einem einzigen Seil und kann mittels Spannmechanismen nachgespannt werden.
Bedingt durch sein Gewicht bleibt der Stuhl auch bei starkem Wind auf der Terrasse stehen. Die Sitzfläche und die Spannmechanismen trocknen sehr schnell und können bei Verwitterung ausgetauscht werden.

––– Nikolas Kreft

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Wie komme ich von der Fläche in den Raum? Durch das Experimentieren mit Papier und Pappe war die Idee schnell geboren. Das Pop-up-Prinzip wurde optimiert und auf das Plattenmaterial übertragen. Die Falzkanten wurden durch Gehrungsschnitte ersetzt. Die Einzelteile wurden mittels Lederstreifen verbunden, welches auf Grund seiner Festigkeit und Flexibilität als Scharnier funktioniert. Mit einem Handgriff lässt sich der Stuhl »POP-UP« aufrichten und wieder zusammenlegen. Die Lehne dient als Griff. Pop! Aus der Fläche wird ein Stuhl.

––– Ningning Zhao

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RIBBON ist ein klassischer Stuhl mit vier Beinen, einer Sitzfläche und einer Rückenlehne. Charakteristisch ist sein Seitenprofil: Optisch eine durchgängige Linie, welche konstruktiv alle Teile des Stuhls miteinander verbindet.

––– Mathilde Durand

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Innehalten, zögern, verzaubern lassen: Der PARA | SIT, ein Waldmöbel aus der Gattung der Hochsitze, visualisiert eine Gratwanderung zwischen Design und Poesie. Der gedrechselte Stuhl besetzt parasitär seinen übergeordneten Organismus, den natürlichen Baum. Pilzartig bezieht er das Totholz in seine Existenz mit ein. Seine vereinzelten Elemente werden als Stiegen genutzt, um das in einer Höhe von 1,50 m angebrachte Sitzmöbel zu erklimmen. Eigenwillig tritt er auf einer Lichtung oder am Wegesrand in Erscheinung.

––– Skadi Marlen Sturm

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THERESA ist ein Stuhl, der aus planen Flächen zusammen gesteckt ist. Auf Grund seiner sehr ausgewogenen Formensprache lädt er regelrecht zum Sitzen ein. Die Montage ist für Benutzer sehr einfach. Sie funktioniert werkzeugfrei.

––– Marius Harter

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Ist es möglich aus einem Material, das man wie seine Westentasche kennt, etwas Neues zu schaffen? Eine Holzbohle wurde mittels Gehrungsschnitten in komplexe Einzelteile zerlegt und diese zu einem Stuhl zusammengefügt. Der kubistische Charakter von PIKANT wird durch die dunkle Oberfläche unterstrichen.
Am Ende ist nicht nur ein Stuhl entstanden sondern auch ein Prinzip. Mit diesem lässt sich eine ganze Sitzmöbelfamilie gestalten.

––– Henrik Gülzow

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Die Konstruktion ist ganz simpel. CORD ist aus Vierkanthölzern aufgebaut. Sie haben alle einen Querschnitt von 34 x 34 mm und variieren nur in der Länge. An den Verbindungsstellen sind sie mittels einer Nut überplattet und durch eine Schnur in ihrer Position fixiert. Mit ihr kommt Farbe ins Spiel.

––– Samantha Brings